Warum wird überhaupt zitiert?
Bei
der Interpretation (wie bei der Analyse oder Texterörterung) setzt man sich
sorgfältig mit einem Text auseinander:
w Worum
handelt es sich? Was wird ausgesagt? (Inhalt)
w Wie
ist der Text verfasst? (Sprach- und Formanalyse)
w Wie lassen sich die wesentlichen Aussagen
deuten? (Interpretation im engeren Sinne)
Will
man dem interpretierten Text gerecht werden, so muss man vom Text
ausgehen und immer wieder zu ihm zurückkehren; die Interpretation läuft sonst
Gefahr, sich zu verselbständigen (Gefahr der Fehlinterpretation). Intensives
Zitieren ist daher Grundlage einer jeden Interpretation.
Im
Deutschaufsatz soll die eigene Interpretation darüber hinaus auch für den Leser
nachvollziehbar und überprüfbar sein:
w Wie
gelangt der Interpret überhaupt zu seiner Interpretation?
w Auf
welche Textstellen stützt er sich bei seinem Urteil?
w
Wo kann man das nachlesen?
Das Zitieren hat also
zwei Funktionen: Es sichert nicht nur die eigene Interpretation ab; vielmehr
trägt eine intensive Textarbeit auch dazu bei, die eigene Interpretation
überzeugender darzustellen.
Wie sollten Zitate sein?
w genau (Kürzungen
sind möglich, müssen aber kenntlich gemacht werden)
w wahr (nicht
aus dem Zusammenhang gerissen)
w als
Zitat erkennbar und nachprüfbar (Anführungszeichen, Beleg)
w treffend
(auf einen wesentlichen Aspekt beschränkt, nicht zu lang)
w leserfreundlich
(verständlich, anschaulich, nachvollziehbar)
Zitate
können, je nachdem, ob sie als Impuls oder als Beleg eingesetzt werden, den
Ausgang- oder Endpunkt von Überlegungen über den Text bilden. Sie können auf
dreierlei Weise in den Aufsatz integriert werden:
w durch Klammern (bei kurzen, vorwiegend
illustrativen Zitaten)
w durch harmonische Einfügung in den Satz
(bei einzelnen Satzteilen)
w
durch
Absatz und Einrückung (bei Zitaten, die mehr als zwei Zeilen umfassen)
Wörtliches
Zitat und sinngemäße Wiedergabe in eigenen Worten ergänzen sich. Die Textwiedergabe
erlaubt es dem Schreiber, sich von der allzu engen Bindung an den Wortlaut zu
lösen und auf Distanz zu gehen. Das Textzitat bindet ihn an den Wortlaut zurück
und verhindert, dass er beim Interpretieren den Text
aus dem Auge verliert.
Zitate können durchaus
auch einmal illustrativ verwendet werden. Dies bietet sich beispielsweise in
der Einleitung mit einem provozierenden oder im gezielten Schluss-Satz mit einem abrundenden Zitat an. In der Regel sollten Zitate aber funktional
(als Nachweis für die Interpretation oder Argumentation) eingesetzt werden. In
dieser Verwendung müssen sie sowohl eingeleitet als auch ausgewertet werden.
Wie sich ein Zitat einleiten lässt:
w In
welchem Zusammenhang steht das Zitat? Worum geht es? Worauf wird reagiert?
w Von
wem stammt das Zitat? An wen richtet sich die Äußerung?
w Welcher
Sprechakt liegt hier vor? (Def.: Ein Sprechakt ist das, was jemand macht, indem
er etwas
sagt;
z. B. auffordern, ablehnen, kritisieren, rechtfertigen, loben, beleidigen)
Wie sich ein Zitat auswerten lässt:
w Was
ist gemeint? Was wird ausgesagt?
w Ist
über die inhaltliche Aussage hinaus eine Selbstoffenbarung, eine Beziehung, ein
Appell (vgl. F.
Schulz
von Thun) erkennbar?
w Was
fällt an der sprachlichen Ausgestaltung auf?
w Lässt
sich die Aussage in einen höheren Zusammenhang integrieren oder abstrahieren?
w Lässt
sich aus dem Zitat auf die Intention bzw. auf das Ziel des Autors schließen?
w Liegt
dem Zitat eine Grundhaltung oder Weltanschauung zugrunde?
Zur Einleitung und Auswertung von Zitaten vier Beispiele:
l Bertolt Brecht, Schlechte Zeit für Lyrik:
In Brechts „Schlechte
Zeit für Lyrik“ geht es nicht nur um die Themen, sondern auch um die Form von
Brechts Lyrik: Die von ihm erwarteten schönen
Themen wie Liebeslyrik lehnt er ab, und dies spiegelt sich auch in der Form
wider, die weder ein regelmäßiges Metrum noch einen Reim aufweist. In der
vorletzten Strophe begründet dies der Autor mit einer Aussage im Konjunktiv:
„In
meinem Lied ein Reim
käme mir
fast vor wie Übermut.“
Reime – wie von seinen
Kritikern gefordert – kämen ihm angesichts der nationalsozialistischen Diktatur,
der Kriegsgefahr und des Holocaust beinahe wie „Übermut“ vor. Indem Brecht
damit die besondere Form seiner Gedichte – reimlos und mit unregelmäßigem
(gestischem) Rhythmus – rechtfertigt, ist „Schlechte Zeit für Lyrik“ zweierlei:
ein poetologischen Gedicht und ein Bekenntnis zur engagierten Literatur.
l Günter Eich, Träume:
In seinem bekannten
Hörspiel aus dem Jahre 1953 rüttelt Günter Eich die Zuhörer auf:
„Wacht
auf, denn eure Träume sind schlecht! (...)
Nein,
schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid
misstrauisch gegen ihre Macht (...)
Seid unbequem,
seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
(Eich, Fabula rasa. S. 14 / 15)
Eich scheint nur in
einer allgemeinen Verweigerung noch eine Möglichkeit zu sehen, das drohende
Unheil (Dritter Weltkrieg, Atombombe) abzuwenden. Neinsagen als politisches
Engagement – diese Botschaft ist zugleich Ausdruck der Skepsis und der
Resignation des Autors.
l G.
E. Lessing, Nathan der Weise:
Bei ihrer ersten
Begegnung (II,5) erscheint ihm der
Tempelherr als ein „Sonderling“ mit einer „raue(n)
Tugend“, doch aufgrund seiner Menschenkenntnis erkennt Nathan, dass nur die „Schale (...) bitter“ ist, „der Kern / Ist's sicher nicht.“ Geschickt
wendet er das arrogante Verhalten des Tempelherrn ins Positive. Durch diese
Gesprächstechnik macht Nathan den Widerspruch zwischen der christlichen Lehre
und der Kreuzfahrermentalität des Tempelherrn bewusst, sodass dieser schließlich beschämt einlenkt:
„(...) Ich
muss gestehen,/ Ihr wisst, wie Tempelherren denken
sollten.“
(V. 1269 f.)
Der Dialog ist für den
Aufklärer Lessing also ein Mittel, um den Gesprächspartner bzw. den Zuschauer
zu einem Bewusstseinswandel und darüber hinaus zu einem
vernünftigen Verhalten zu führen.
l Friedrich Schiller, Kabale und Liebe:
Auch der dritte große
Dialog zwischen den beiden Liebenden findet in der bürgerlichen Welt von
Millers Wohnung statt. Luise und Ferdinand sprechen über ihre gemeinsame
Zukunft. In Anlehnung an Szene I,4 greift er seine Utopie einer absoluten Liebe
wieder auf:
„Du,
Luise, und ich und die Liebe! – Liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel?
oder
brauchst du noch etwas Viertes dazu?“
(S.
61)
Ein „Viertes“, nämlich
die Standesgrenzen, ist er nicht bereit anzuerkennen. Stattdessen möchte er mit einem „Riesensprung“ der historischen Wirklichkeit entfliehen.
Damit deuten sich bereits Mord und Selbstmord als letzter Ausweg an.