Rhetorik und PowerPoint
Die
Diskussion hat sich erfreulicherweise deutlich verlagert: Ging es in den
vergangenen Jahrzehnten noch darum, ob und in welchem Umfang Rhetorik überhaupt
unterrichtet werden sollte, so herrscht inzwischen weitgehend Einverständnis,
dass die Vermittlung rhetorischer Fähigkeiten und Kenntnisse ganz
selbstverständlich Aufgabe der Schule ist.
In der Diskussion über Schlüsselqualifikationen und Methodenkompetenz wurde in letzter Zeit zusätzlich die Vermittlung von Präsentationstechniken gefordert. Dass wesentliche Inhalte des Vortrags möglichst »visualisiert«, also im Sinne eines zumindest zweikanaligen Lernens parallel zum Gehörten sichtbar gemacht werden sollten, ist für jede Lehrerin und jeden Lehrer im Unterricht eine Selbstverständlichkeit. Warum sollten daher nicht auch Schülerinnen und Schüler mit den wesentlichen Präsentationstechniken vertraut gemacht werden?
Was aber ist wirklich erreicht, wenn sich die Schulträger landauf, landab (endlich!) dazu
durchringen, Schulen nicht nur mit Tafeln und Tageslichtprojektoren, mit Flipcharts und Pinnwänden, sondern auch mit Beamern und Laptops auszustatten?
Werden Schüler ihre rhetorischen Fähigkeiten verbessern, wenn sie nur über
entsprechende Medien verfügen? Wenn sie ihre Referate künftig beispielsweise
mit PowerPoint, also per Mausklick, präsentieren?
Eine Antwort
gibt das Beispiel des Herrn Chip:
Architekt Chip hat an einem
Seminar über Präsentationstechniken teilgenommen und dabei ein Computerprogramm
kennen gelernt, mit dessen Hilfe sich Folien über einen Beamer an die Wand
projizieren lassen. Mit großem Eifer erstellt er nun für die Vorstellung eines
wichtigen Bauvorhabens auf dem Computer Dutzende von Folien um die Vorteile
seines Entwurfs anschaulich zu visualisieren. Bei dem Vortrag vor dem
Gemeinderat seiner Stadt starrt er auf den Monitor seines Laptops und
konzentriert sich ganz auf die perfekte Präsentation.
Schlaglichtartig erkennen die Schülerinnen und Schüler an diesem abschreckenden Beispiel, dass
mit einer computergestützten Präsentationstechnik zwar visualisiert wird, bei
dieser einseitigen Fixierung auf »Technik« aber Wesentliches verloren geht: die
Orientierung am Zuhörer! Rasch wird deutlich, was diesem Vortrag fehlt: der
Blickkontakt, die persönliche Ansprache, die sich öffnende Gestik und weitere
körpersprachliche Signale des Redners, die geeignet sind, eine positive
Beziehung zum Auditorium herzustellen.
Wie aber lässt sich möglichst frei sprechen? Wie könnte sich Architekt Chip vom Monitor,
wie könnten sich Schüler bei Referaten vom Redemanuskript lösen? Neben der
Kärtchen-Methode hat sich in der Schule die Methode »Halb-Halb« bewährt:
Bei dieser
Methode werden die einzelnen Manuskriptblätter im DIN-A4-(Hoch-) Format so gefaltet,
dass eine obere und eine untere Hälfte entsteht – daher der Name dieser
Methode! Dann wird der Redetext Blatt für Blatt auf die obere Hälfte
geschrieben. Auf der unteren Hälfte werden der entsprechende Leitgedanke und
ergänzend einige weiterführende Stichworte notiert. Dabei ist darauf zu achten,
dass die Stichworte unten dem Inhalt oben entsprechen. Die obere Hälfte wird
abschließend nach hinten umgeklappt und auf der Rückseite mit der unteren
Hälfte so verklebt, dass stabile Karten im DIN-A5-Format entstehen. Der Redner
entwickelt nun seine Gedanken mithilfe der Stichworte möglichst frei. Auf den
ausformulierten Redetext der Rückseite greift er nur dann zurück, wenn er nicht
mehr weiterweiß oder wenn er zitiert.
Diese
Methode ist besonders für Schülerinnen und Schüler reizvoll, die im Sprechen
vor anderen noch unsicher sind, da der Redetext auf der Rückseite einerseits
dem Bedürfnis nach Sicherheit Rechnung trägt, die Stichworte auf der
Vorderseite andererseits aber dazu verführen, sich vom Manuskript zu lösen und
Blickkontakt aufzunehmen.
Schüler, die
so gelernt haben, ihre Gedanken möglichst frei zu entwickeln, werden später auch
eine technisch anspruchsvolle PC-Präsentation souverän benutzen, also
Methodenbewusstsein entwickeln: PowerPoint ist – wie jede andere
Präsentationstechnik auch – nur das Hilfsmittel, nicht Selbstzweck! Wesentlich
ist die Beziehung des Redners zum Zuhörer, aber auch: seine Sachkompetenz,
seine Glaubwürdigkeit und seine Fähigkeit, den Zuhörer für das Thema zu interessieren.
Haben
Schüler erst einmal begriffen, dass die Qualität einer Visualisierung nicht im
technischen Aufwand begründet liegt, werden sie vielleicht auch zu einfachen,
aber funktionalen Präsentationstechniken greifen, zum übersichtlichen
Tafelanschrieb, der Gedankengänge unmittelbar nachvollziehbar macht, oder zum
kreativen Einsatz des Tageslichtprojektors. Werden Folien nicht einfach nur
aufgelegt und dann parallel zur Visualisierung »hörbar gemacht«, sondern unter
Einbeziehung der Mitschüler am Tageslichtprojektor gestaltet, dann entwickelt
sich der Monolog des Sachvortrags sogar zu einem echten Dialog. So könnte der
Referent beispielsweise von den Zuhörern ausgewählte Optionen markieren, auf
Zuruf einzelne Elemente eines Gedankenpuzzles gliedern oder eine
vorstrukturierte Folie in der Diskussion mit den Zuhörern ergänzen.
Entscheidend
ist bei der Verwendung von Präsentationstechniken immer deren Einbettung in den
rhetorischen Zusammenhang: die Orientierung an den Zuhörern und das
Gebot der Angemessenheit.
Unter diesem
Aspekt betrachtet ist die Verwendung von PowerPoint für sich genommen ganz sicher
nicht die Lösung. Denn im Spannungsfeld zwischen du- und sachorientiertem
Sprechen sind Präsentationstechniken immer nur so weit sinnvoll, wie sie mit
angemessenem Aufwand dem Zuhörer das Verständnis komplexer
Inhalte erleichtern.
Stephan Gora
Thesen zur Diskussion:
Die Vermittlung rhetorischer Kenntnisse und Fähigkeiten sowie der gängigen
Präsentationstechniken ist Aufgabe der Schule.
Rhetorik geht nicht nur den Deutschlehrer an: In einer sinnvollen
Arbeitsteilung unter den Fächern werden zwar die Grundlagen der Rhetorik im
Deutschunterricht gelegt; Gelegenheit zum Einüben sollte aber in allen
Schulfächern gegeben werden.
Rhetorische Fähigkeiten beschränken sich nicht nur auf die Referatstechnik.
Fähigkeiten und Techniken wie die Materialbeschaffung, die Gliederung, die
zielgerichtete Argumentation und das Sich-Einprägen von Inhalten werden in der
Schule auch unabhängig vom Referatehalten verlangt.
Präsentationstechniken sind wichtige Hilfsmittel zur Visualisierung von
Inhalten. Deren Verwendung garantiert aber nicht automatisch eine bessere
Verständlichkeit der präsentierten Inhalte. Selbst ausgefeilte Präsentationsprogramme
wie PowerPoint bedürfen der Einbettung in den rhetorischen Zusammenhang.
Wenn die Präsentationsleistung wesentlicher Bestandteil eine mündlichen
Prüfung (wie bei der Präsentationsprüfung in BaWü) ist, sollte sie zu
mindestens einem Drittel in die Gesamtbewertung eingehen.
Bei der Bewertung der Visualisierung sind Qualität und Funktionalität der
jeweiligen Präsentationstechnik das entscheidende Kriterium, nicht deren Umfang
oder der technischer Aufwand.
Die persönliche Einstellung des Prüfers zu PowerPoint sollte nicht Maßstab
für die Bewertung einer PowerPoint-Präsentation sein. Wenn ein Schüler mit
PowerPoint präsentiert, darf er deswegen nicht automatisch besser oder schlechter
bewertet werden. Selbst eine kritische Haltung gegenüber unangemessenen PowerPoint-Präsentationen
sollte in einer Prüfungssituation ihr Gegengewicht finden in einer grundsätzlich
wohlwollenden Haltung gegenüber dem Prüfling und der von ihm ausgewählten
Präsentationsmethode.