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Bundespräsident Johannes Rau | |
Nach dem Amoklauf von Erfurt, der 17 Menschen das Leben gekostet hat, formuliert Johannes Rau eine Botschaft, die über Mitgefühl und Trauer hinaus Perspektiven aufzeigen will. Zurück zur ... Übersicht |
Aus der Traueransprache in Erfurt am 3. Mai 2002: Unsere Kinder und unsere Schüler brauchen eine lebendige Fantasie, die sie zu selbstbestimmten und selbstbewussten Menschen werden lässt. Sie dürfen aber nicht in die Gefangenschaft künstlicher Welten geraten, aus der sie nicht mehr herausfinden. Die modernen Kommunikationsmedien sind unverzichtbar. Schulen brauchen aber mehr als den Abschluss ans weltweite Netz. Schüler brauchen lebendige, erfahrbare Netze, die sie halten; sie brauchen Netzwerke aus Mitmenschlichkeit und Interesse am anderen. Unsere Kinder und Schüler müssen sich aneinander messen. Sie müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten. Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd. Immer muss aber klar sein, dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall. Schulen dürfen nicht zu Orten der Angst werden - weder für Schüler noch für Lehrer. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland für die großartige und engagierte Arbeit, die so viele von ihnen leisten. Manchmal tun sie das unter ganz schwierigen Bedingungen. Sie sorgen dafür, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem man lernen kann, in Achtung voreinander zusammen zu arbeiten und zu leben. Keiner glaube, wir könnten den Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass allein an die Schulen delegieren. Da sind wir alle gefordert. Wir dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie Konflikte lösen, dass sie Enttäuschungen überwinden können und dass Anstrengungen sich lohnen. Wer dieses Vertrauen mit auf den Weg bekommen hat, der wird auch als Erwachsener den Mut haben, Schwierigkeiten anzugehen und nach vernünftigen Lösungen zu suchen. Unser Zusammenleben darf nicht zu einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf werden. Eine menschenfreundliche Gesellschaft lebt von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität mit den Schwachen, von der Aufmerksamkeit füreinander. Zeit füreinander haben: Das gehört zum Kostbarsten, was wir uns schenken können. Nur so schaffen wir eine Gesellschaft, in der wir selber gerne leben. Ich wünsche allen, die am vergangenen Freitag einen nahen Menschen verloren haben, dass sie Menschen haben oder finden, die sie begleiten, die Ihnen zuhören, die Ihnen helfen, die nächsten Schritte im Leben zu tun. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Quellen des Trostes finden auf dem schweren Weg, der noch vor Ihnen liegt, und dass Sie neue Zuversicht gewinnen können. Lassen Sie uns gemeinsam innehalten in Schmerz und Trauer. Lassen wir einander nicht allein. |