Quintilian
Quintilian
war es wichtig,
dass Redner
natürlich
wirkten.
Daher seine
Empfehlung:

»Möge
jeder sich
kennen lernen
und nicht nur
aus den
allgemeinen
Regeln,
sondern auch
aus seiner
natürlichen
Eigenart
die Überlegung
gewinnen, wie
er seinen
Vortrag zu
gestalten
hat.«







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Quintilian gilt als der bedeutendste Redelehrer der Antike. Nicht nur, weil er den ersten öffentlich besoldeten Lehrstuhl der Rhetorik innehatte oder die mit 12 Bänden umfangreichste Rhetorik der Antike schrieb. Seine »Ausbildung des Redners« (Institutio Oratoria) gilt aus anderen Gründen als der Höhepunkt antiker Redelehre:
Zum einen entwickelte er darin einen systematischen Lehrgang, der die Erziehung vom Kind bis zum erwachsenen Redner aufzeigt, also die Rhetorik mit der Pädagogik zu einer Einheit verbindet.
Zum anderen greift er auf eine hohes Redner-Ideal zurück, den »vir bonus dicendi peritus«. Der Redner sollte bei allem politischen Engagement über eine solide Allgemeinbildung sowie ausgezeichnete rhetorische Fähigkeiten verfügen und in seinem Reden und Handeln hohen ethischen und moralischen Anforderungen genügen - angesichts des damals (wie heute gerne!) beklagten Verfalls der politschen und rhetorischen Kultur eine nachvollziehbare Forderung.

Über Quintilians Leben wissen wir nur relativ wenig:
Etwa 30 n. Chr. in einer der römischen Provinzen in Spanien geboren, kam Marcus Fabius Quintilianus 68 nach Rom, wo er etwa 20 Jahre lang als Professor für Rhetorik und als Prinzenerzieher wirkte. Orientiert an Cicero (als unerreichbarem Ideal) wollte er das Bildungssystem seiner Zeit reformieren, dabei entstand ein umfassender Bildungslehrplan, der Rhetorik nicht auf einzelne Tricks und Kniffe reduzierte, sondern die rhetorische Erziehung in ein umfassendes Bildungsprogramm einbettete. Etwa 90 n. Chr. gab er seine Professur auf und begann seine Erfahrungen zu systematisieren und schriftlich niederzulegen. Dabei schlugen sich auch persönliche Erfahrungen - der Tod seiner jungen Gattin und seiner beiden Söhne - , Betrachtungen über die Literatur seiner Epoche und tagespolitische Ereignisse in seinem Werk nieder.
Quintilians Bildungsideal mag elitär und unerreichbar wirken, aber gerade dieses Festhalten an einem hohen Ideal machte sein Werk so anziehend - über die Humanisten Petrarca und Erasmus, die Reformatoren Luther und Melanchton sowie Friedrich den Großen bis hin zur Gegenwart. Vor allem verdanken wir Quintilian aber eine umfassende und systematische Darstellung aller Teilgebiete der Rhetorik. Nur ein winziger Bruchteil kann hier vorgestellt werden.

Schon seit der Antike wird lebhaft diskutiert, ob Rednerinnen und Redner ihre rhetorische Fähigkeiten und Leistungen eher ihrer natürlichen Begabung oder ihrer rhetorischen Ausbildung verdanken. Für Quintilian gibt es in dieser Frage kein Entweder - Oder, sondern nur ein Sowohl - Als auch. Beides muss beim erfolgreichen Redner zusammenkommen:

»Eines möchte ich gleich zu Beginn hervorheben: Alle Vorschriften und Leitfäden haben keinen Wert, wenn die Natur nicht mithilft. Deshalb bedeutet die folgende Schrift für jemanden, dem die Begabung fehlt, nicht mehr als eine Schrift über den Ackerbau für unfruchtbare Ländereien. Es gibt auch noch andere Hilfsmittel, die einem jeden angeboren sind: Stimme, Lungenkraft, beständige Gesundheit, Ausdauer und Anmut. Sind diese Voraussetzungen in bescheidenem Maße vorhanden, kann man sie systematisch entwickeln. Doch manchmal fehlen sie so völlig, dass sie auch die Vorzüge der Begabung und des Fleißes zunichte machen, wie auch diese Naturanlagen selbst ohne einen erfahrenen Lehrer, zähes Studium, ununterbrochene gründliche Übung im Schreiben, Lesen und Reden für sich allein nichts nützen.«

Selbst rhetorische Naturtalente kommen nicht umhin, ihren Vortrag zu gliedern. Nach der Ideensammlung (inventio) ist daher die Gliederung (dispositio) die zweite notwendige Vorbereitungsphase, wie Quintilian mit einer Reihe von Vergleichen veranschaulicht:
»Wenn man an unseren oder anderer Lebewesen Körpern einen Körperteil vertauscht und verlagert, so würde daraus, mag sie auch die gleichen Körperteile haben, dennoch eine Unheil kündende Missgestalt. Auch die Gliedmaßen verlieren, wenn sie nur leicht aus ihrer Lage gebracht werden, ihre Gebrauchsfähigkeit, und Heere, die in Unordnung geraten, sind sich selbst im Wege. So muss auch eine ungegliederte Rede unvermeidlich ins Gedränge kommen, ohne Lenkung dahinströmen und ohne inneren Zusammenhang vieles wiederholen, vieles übergehen, als irrte sie bei Nacht in unbekanntem Gelände, und ohne dass ihr ein Anfang und ein Ziel gesetzt ist, eher dem Zufall folgen als einem Plan.«

In der dritten Vorbereitungsphase spielt bei der sprachlichen Gestaltung für Quintilian das Redigieren des Manuskripts eine wichtige Rolle:
»Die Aufgabe des Verbesserns aber liegt im Zusetzen, Streichen und Ändern. Aber es ist leichter und einfacher, zu beurteilen, was ergänzt oder gestrichen werden soll; dagegen Schwülstiges zu dämpfen, Niedriges zu heben, Üppiges zu straffen, Ungeordnetes richtig zu verteilen, Ungebundenes richtig zusammenzufügen und Überschwängliches zu zügeln macht doppelte Mühe: Erst muss man nämlich verwerfen, was man vorher gut gefunden hatte, und dann muss man das ausfindig machen, was man nicht getroffen hatte. Zweifellos ist es die beste Art zu verbessern, wenn man das Geschriebene eine Zeit lang beiseite legt, um nach diesem Zeitabstand es wieder wie ein neues, fremdes Werk vorzunehmen, damit das, was wir gerade geschrieben haben, nicht wie die Neugeborenen uns in unserem Vaterstolz schmeichele.«

Selbst wenn Gliederung und sprachlicher Ausdruck noch so sorgfältig vorbereitet worden sind, so entscheidet letztendlich doch der Vortrag über den Erfolg der Rede:
»Alle Gefühlswirkungen müssen matt werden, wenn sie nicht ihr Feuer erhalten durch die Stimme, die Mimik und beinahe alles in der Körpersprache. Ja, ich möchte behaupten, dass selbst eine mittelmäßige Rede, die sich durch die mitreißende Kraft des Vortrags empfiehlt, mehr Eindruck hinterlassen wird als die beste, der diese Empfehlung fehlt.
Da aber der ganze Vortrag in zwei Bereiche zerfällt, Stimme und Körpersprache, wobei das Letztere auf die Augen, das Erstere auf die Ohren wirkt, auf die beiden Sinne also, durch die jede Gefühlsregung in das Innere dringt, ist es das Erste, über die Stimme zu sprechen, der sich ja auch die Körpersprache anpasst. Die Kunst der Abwechslung erst macht den Vortrag reizvoll und bietet dem Ohr immer neue Spannung, sodann aber entspannt sie auch durch das Wechseln bei der Anstrengung den Redenden selbst, wie wir mit Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen abwechseln und keinen dieser Zustände für sich allein lang aushalten können.
Welche ausschlaggebende Rolle die Körpersprache beim Redner spielt, geht schon hinreichend aus der Tatsache hervor, dass es so vieles auch ohne Worte kennzeichnet. Denn es machen nicht nur die Hände sondern auch schon Winke unseren Willen klar und dienen bei Stummen als Sprache; ferner lässt sich aus Miene und Gang die Geistesverfassung entnehmen, und auch bei Lebewesen, die keine Sprache besitzen, lässt sich Zorn, Freude, Schmeichelei sowohl an den Augen wie auch an körperlichen Merkmalen ablesen. Kein Wunder, dass diese Gebärden, die ja doch auf einer Art von Bewegung beruhen, so stark auf den Geist wirken ... Wenn umgekehrt Gebärde und Miene mit der Rede in Widerspruch steht, wir also Trauriges mit heiterer Miene sagen oder etwas mit Kopfschütteln bekräftigen, so dürfte gewiss den Worten nicht nur aller Nachdruck, sondern sogar die (schlichte) Glaubwürdigkeit fehlen.
Beherrschend aber ist vor allem die Mimik. Hierdurch erscheinen wir flehend, hierdurch auch bald drohend, bald schmeichelnd, bald heiter, bald stolz erhoben, bald unterwürfig; an ihm hängen die Menschen, hängen ihre gespannten Blicke, er wird beobachtet, schon ehe wir die Rede beginnen; er bekundet, dass wir manchen lieben oder hassen, er macht uns das meiste verständlich und ersetzt oft alle Worte.
In der Mimik selbst aber haben die Augen die größte Ausdruckskraft, durch die am stärksten das Innere nach außen dringt, sodass sie, auch ohne sich zu bewegen, sowohl in Heiterkeit erstrahlen wie auch einen Schleier von Trauer annehmen können.
Bei der Gestik nun gar, ohne die der Vortrag verstümmelt wirkte und schwächlich, lässt es sich kaum sagen, über welchen Reichtum an Bewegungen sie verfügen, da sie fast die ganze Fülle, die den Worten selbst eigen ist, erreicht. Mit ihr fordern, versprechen, rufen, entlassen, drohen, flehen, verwünschen, fürchten, fragen und verneinen wir, geben wir der Freude, der Trauer, dem Zweifel, dem Eingeständnis, der Reue, dem Ausmaß, der Fülle, der Anzahl und Zeit Ausdruck.«

Dass Stimme, Mimik, Blickkontakt und Gestik immer der Situation angemessen sein müssen, versteht sich von selbst - nicht nur für Quintilian.

Textauszüge für das Internet leicht gekürzt, vereinfacht und dem allgemeinen Sprachgebrauch angepasst.