Mündliche Prüfungen souverän bestehen

 

Stell dir vor, du könntest bei einer mündlichen Prüfung dein Wissen in einem zusammenhängenden Vortrag unter Beweis stellen und der Prüfer bräuchte kaum noch Fragen zu stellen! So unwahrscheinlich das bislang auch gewesen sein mag, die Richtlinien in vielen Prüfungsbereichen machen dies inzwischen möglich. So sind – um nur ein Beispiel zu nennen – die Prüfungskandidatinnen und -kandidaten beim Mündlichen Abitur in Baden-Württemberg gehalten, ihre Kenntnisse zunächst in einem zusammenhängenden Vortrag von etwa zehn Minuten darzustellen. In diesem Zeitraum sollen sich die Prüfer zurücknehmen, also möglichst nicht unterbrechen und keine weiteren Fragen stellen. Schließlich hat der Prüfling ja mit dem Thema seine Aufgabenstellung bzw. seine Fragen bereits mit in die Vorbereitung bekommen. Somit hat er in der Prüfung das erste Wort und damit die Chance, den Prüfungsverlauf in seinem Sinne zu beeinflussen.

 

Aus rhetorischer Sicht kommt der Vorbereitung unmittelbar vor der Prüfung eine besondere Bedeutung zu, da eine situationsangemessene Planung die Grundlage für das nachfolgende Prüfungsgespräch legt. So ergibt sich bei einer zwanzigminütigen Vorbereitungszeit als Faustregel etwa die folgende Zeiteinteilung:

 

8 Minuten:   Aufgabenstellung und Materialien aufmerksam lesen und Wesentliches unterstreichen

6 – 8 Min.:  Stichworte zu den einzelnen Arbeitsanweisungen aufnotieren

4 – 6 Min.:  Stichworte überdenken, im Geiste Prüfungsgespräch vorbereiten

 

Lies die Aufgabenstellung, die Prüfungsfrage und gegebenenfalls den Prüfungstext oder die vorgelegten Materialien aufmerksam durch. Unterstreiche das Wesentliche und versehe die Materialien mit Stichworten. Überlege:

 

- Was wird an Fakten erwartet?

- Wie soll mit dem beigefügten Material gearbeitet werden?

- Was muss erläutert oder interpretiert werden?

- Was soll mit etwas anderem verknüpft oder verglichen werden?

- Was kann weitergeführt bzw. weiterentwickelt werden?

- Bieten sich im Rahmen der Fragestellung Ansätze zu einer vertieften Betrachtung an?

- Lassen sich eigene Wissensschwerpunkte in den Mittelpunkt stellen?

 

Mache zu jeder der Teilfragen nur wenige Stichworte. Platziere deine Stichworte übersichtlich auf einem Blatt oder besser gleich auf einem Doppelblatt; auch auf Kärtchen lassen sich die Stichworte notieren, wenn dies die Prüfungsordnung zulässt. Arbeite mit rasch skizzierten Pfeilen und Rahmen, wenn du Verknüpfungen oder Zusammenhänge markieren willst.

 

Schreibe nicht bis zum Ende des Vorbereitungszeitraums. Verschaffe dir lieber in den letzten Minuten der Vorbereitung einen Überblick über die Punkte, die du während der Prüfung ansprechen willst. Konzentriere dich auf das, was du weißt, nicht darauf, was du nicht weißt.

 

Verliere während der Vorbereitung und während des Prüfungsvortrags nie die Aufgabenstellung aus den Augen. Sie ist als roter Faden willkommen und hilfreich.

 

Aus drei Gründen solltest du das Angebot zum freien Vortrag im ersten Prüfungsabschnitt nutzen. Gerade in der Anfangsphase ist die Aufregung am größten. Das »Lampenfieber« lässt sich leichter bewältigen, wenn man erst einmal über seine starken Wissensgebiete spricht. Die Zeit geht viel schneller vorüber, als man denkt. Deshalb sollte man erst einmal alle Wissensschwerpunkte behandeln. Die starken Punkte für den Schluss zurückhalten zu wollen, wäre taktisch unklug, denn im zweiten Prüfungsabschnitt kann der Prüfer das Gespräch in ganz andere Bereiche lenken. Die Prüfer machen sich schneller ein Bild, als der Prüfling ahnt. In den ersten Minuten schätzen sie die Prüfungsleistung ein und ordnen sie einem Notenbereich zu. Dies ist zwar noch kein abschließendes Urteil, aber eines, das das Endergebnis prägt.

 

Beim Prüfungsvortrag ist es für die Prüfer oft hilfreich, wenn der Prüfling den Übergang von einem Aufgabenteil zum nächsten andeutet. Dies ist mit einfachen Redewendungen kurz getan:

- So weit die Entstehungsgeschichte. Ich komme nun zur Interpretation des Textes.

- Wenn Sie einverstanden sind, würde ich jetzt gerne einen Vergleich ziehen zu ...

- Dies sind nach meiner Einschätzung die wichtigsten Ursachen für ... Ich komme nun zu ...

- Wer diesen Text besser verstehen will, muss sich die Frage stellen ...

 

Ergreife auch im Prüfungsgespräch immer wieder die Initiative und lenke das Gespräch auf deine starken Wissensbereiche. Wenn du umgekehrt auf eine Frage keine Antwort weißt, lasse keine Verlegenheit aufkommen und rede nicht um den heißen Brei herum. Bitte einfach um eine andere Frage. Wenn dir aber die Aufgabenstellung unklar ist, fragen gleich zurück oder konkretisiere von dir aus die Fragestellung:

- Könnten Sie die Frage bitte nochmals formulieren?

- Meinen Sie die außen- oder die innenpolitischen Ursachen?

- Wenn Ihre Frage auf die Entstehungszeit zielt, so ist ... Zu den Folgen ist dagegen zu sagen ...

 

Auch in Prüfungen spielen körpersprachliche Aspekte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Begrüße zu Beginn alle Mitglieder der Prüfungskommission und nimm während der Prüfung mit allen hin und wieder Blickkontakt auf. Dein wichtigster Ansprechpartner ist zwar immer der Prüfer, in der Regel also der dir bekannte Lehrer, bedenke aber, dass die Note im Anschluss an die Prüfung von allen gemeinsam beraten und festgelegt wird.

 

Solange du flüssig sprichst und inhaltlich keine groben Fehler machst, wird man dich kaum unterbrechen. Wenn du aber von dir aus deinen Vortrag unterbrichst, zeige durch deinen Blickkontakt, wie dies zu verstehen ist: Schaust du auf deine Notizen oder auf das Aufgabenblatt, so signalisierst du, dass du noch nachdenkst oder das nächste Stichwort suchst. Schaust du dagegen den Prüfer fragend an, so gibst du das Signal, dass du deinen Gedankengang abgeschlossen hast und nun um eine weiterführende Frage bittest.

 

Wer sehr aufgeregt ist, kann erst einmal das Thema nennen und die Aufgabenstellung vorlesen. Das bewirkt, dass man sich, bevor die eigentliche Prüfung beginnt, erst einmal »warm« redet und dabei die Aufgabenstellung nochmals bedenkt. Und wem vor Aufregung die Hände zittern, sollte das Aufgabenblatt bzw. das Notizblatt nicht in den Händen halten, sondern auf den Tisch legen.

 

Wenn es das Prüfungsverfahren zulässt, ist es sinnvoll, an einer Karte etwas zu zeigen oder an der Tafel etwas zu skizzieren. Dies ist eine willkommene Abwechslung im Gespräch und zeigt, dass der Prüfling souverän mit fachspezifischen Methoden umgehen kann.

 

Ein letzter Tipp: Mache dich niemals schlechter als du bist. Auch wenn es mit der Vorbereitung nicht so geklappt hat, zeige dennoch Zuversicht – den Prüfern, vor allem aber auch dir selbst gegenüber. Manchmal fragt der Prüfer, um die Atmosphäre aufzulockern, wie der Prüfling mit der Aufgabenstellung zurechtgekommen ist. Dann ist es unklug, ein Katastrophengemälde zu entwerfen, denn damit stimmt man sich selbst und die Prüfer unnötigerweise auf ein negatives Prüfungsergebnis ein. Ähnliches gilt auch für den Abschluss der Prüfung. Wer zu erkennen gibt, dass er mit dem Prüfungsverlauf absolut nicht zufrieden ist, suggeriert auch ein schlechteres Ergebnis. Sinnvoll ist eine realistische Zuversicht! Denn in der Tat fallen die Ergebnisse häufig besser aus, als sich dies die Prüfungskandidaten in ihrer Aufregung vorgestellt haben.

 

[Ausführlicher in der »Schule der Rhetorik«, S. 94 ff.]