»Es ist
auf Erden
kein besser
List,
denn wer
seiner Zunge
ein Meister
ist.
Viel wissen
und wenig
sagen,
nicht antworten
auf alle
Fragen.
Rede wenig und
mach's wahr,
was du borgst,
bezahle bar.
Lass einen
jeden sein,
wie er
ist,
so bleib du
auch wohl,
wer du
bist.«
Aus:
Martin Luthers
Tischreden
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»Hier stehe ich und kann nicht anders.« Diese Formulierung wurde Luther nachträglich
in den Mund gelegt, trifft aber anschaulich seine Haltung.
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Die Entdeckung Amerikas (1492) hatte zwar geografisch gesehen Horizonte aufgestoßen und die Kugelgestalt der Erde offenkundig gemacht, das mittelalterliche Weltbild wurde aber erst durch einen geistigen Umbruch zertrümmert: Mit Luther und der Reformation (ab 1517) setzt sich ein neues Denken durch, beginnt die Neuzeit.
Ursprünglich hatte Luther mit seinen Thesen gegen den Ablasshandel nur die (röm.-kath.) Kirche reformieren wollen, doch rasch verstärkte er mit seiner Kritik die antipäpstliche Protestbewegung in Deutschland. Mit der Reformation spaltete er - ohne dies beabsichtigt zu haben - das abendländische Christentum und schuf neben der katholischen die evangelische Kirche. Er verursachte gewaltige politische und gesellschaftliche Veränderungen, revolutionäre Bewegungen bis hin zum Bauernkrieg und den späteren Religionskriegen aus. Vor allem aber hat Luther mit seiner individuellen Gewissensethik das Selbstverständnis des modernen Menschen geprägt. Dies allein durch die Macht des Wortes. Mit seinen Predigten und Streitschriften prägt Luther auch die Rhetorik der Neuzeit.
Überblick über die behandelten Aspekte:
Biografische Skizze
Gesellschaftliche Voraussetzungen
Volksnähe und Realismus
Luthers Rhetorik
Glaubwürdigkeit von innen heraus
Glaubwürdigkeit nach außen: vom Wort zur Tat
Zielstrebigkeit, Leidenschaft und Mut
Luther als Vorbild
Biografische Skizze:
1483 wird Martin Luther als Sohn eines Berghauer-Ehepaars in Eisleben geboren.
1505 tritt Martin Luther ins Erfurter Kloster der Augustiner-Eremiten ein, zwei Jahre später wird er zum Priester geweiht.
1512 promoviert er in Wittenberg zum Doktor der Theologie, danach wird er auch Prediger in der Stadtkirche.
1517 formuliert er seine 95 Thesen zum Ablasshandel.
1520 verbrennt er die Bannandrohungsbulle des Papstes und löst sich damit unwiderruflich von der römischen Kirche.
1521 wird er vom Papst gebannt; auf dem Wormser Reichstag weigert er sich seine Schriften zu widerrufen; daraufhin wird über ihn der Reichsacht verhängt und seine Lehre verboten.
1522 erscheint das Neue Testament, das Luther auf der Wartburg von der griechischen Übersetzung des Erasmus ins Deutsche übersetzt hat; die 1534 erscheinende Vollbibel (AT und NT) wird zum meistgelesenen und meistverkauften Buch des 16. Jahrhunderts.
1525 distanziert er sich vom Bauernkrieg, der größtenteils unter Berufung auf seine Ideen ausgelöst worden ist und gewinnt somit zahlreiche Fürsten für die Reformation. Im gleichen Jahr erscheinen seine wichtigsten Schriften und er heiratet die ehemalige Nonne Katharina von Bora.
1530 wird auf dem Reichstag die Augsburger Konfession verlesen; mit der Gründung des »Schmalkaldischen Bundes« schafft sich die Reformation ein militärisches Schutzbündnis.
1546 stirbt Luther in Eisleben und wird in Wittenberg, dem Ausgangspunkt der Reformation, beigesetzt.
1555 setzt sich die Reformation mit dem »Augsburger Religionsfrieden« endgültig durch.
Wichtiger als die einzelnen Ereignisse sind die Zusammenhänge, konkret:
Wie konnte ein Mönch, Universitätslehrer und Prediger durch Reden und Schreiben so durchschlagend und nachhaltig wirken?
Gesellschaftliche Voraussetzungen:
Luther war in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren, in der theologische und kirchliche Fragen sowie viele ungelöste gesellschaftliche Probleme auf eine Antwort warteten. Seine Gegner (röm. Kirche, Papst und Kaiser) schienen anfangs noch übermächtig zu sein, boten aber durch zahlreiche Missstände (u. a. Ablasshandel, Zerfall der kaiserlichen Macht) genügend Angriffsfläche für berechtigte Kritik. Besonders in den entscheidenden Jahren nach 1517 gewann Luther durch eine einzigartige politische Konstellation (Kaiserwahl, Kriege gegen Frankreich und gegen die Türken, Territorialisierung des Reichs) Zeit zur Verbreitung seiner Lehren, sodass es der römischen Kirche - anders als im Fall von Hus und vieler anderer so genannter »Ketzer« - diesmal nicht gelang Luther auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Auch die Erfindung des Buchdrucks (um 1450), der das Bildungsmonopol der Klöster gebrochen hatte, war eine wichtige technische Voraussetzung für den Erfolg seiner reformatorischen Schriften, die in kürzester Zeit in Deutschland und Europa verbreitet wurden. Geistige Voraussetzung für Luthers Erfolg war aber der Humanismus, der sich von der mittelalterlichen Bildungstradition und Überlieferung löste um die zumeist antiken Quellen (»Ad fontes«) auszuwerten. Indem er dieses Prinzip übernahm, konnte sich Luther von der kirchlichen Lehre der Päpste und Konzilien lösen und in der Berufung auf die Heilige Schrift (»sola scriptura«) seine reformatorischen Ideen auf überzeugende Weise rechtfertigen.
Volksnähe und Realismus:
Luther war mit den Denkweisen des Volkes vertraut und sprach seine Sprache.
Er schaute dem Volk »aufs Maul«, war volkstümlich ohne jemals populistisch zu werden.
Er stellte die dt. Sprache gleichberechtigt neben die »heiligen« Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein und trug damit
entscheidend zur Durchsetzung der dt. Hochsprache bei. Über die Klostermauern hinweg kannte er die Probleme und Interessen der Bergleute in Mansfeld, der Bauern, der städtischen Patrizier, der Handwerker, selbst der Ritter und der Landesherren. Diese Offenheit ermöglichte ihm im Gegensatz zu Th. Müntzer und anderen anfänglichen Anhängern eine realistische Wahrnehmung der religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse seiner Zeit.
Luthers Rhetorik:
Als Augustiner-Mönch hatte Luther selbstverständlich Augustinus gelesen, darüber hinaus neben Aristoteles und Cicero vor allem Quintilian. In seinem Grundstudium hatte er im Rahmen der »Sieben freien Künste« Rhetorik und Dialektik studiert, in Disputationen Argumentationsfähigkeit und Schlagfertigkeit entwickelt. Bei seinen Predigten verwendete Luther meist die »Stichwort-Gliederung«, die erst nachträglich zum »Sermon« ausgearbeitet wurde. Um die Gemeinde nicht zu überfordern benutzte er eine Kanzel-Sanduhr zur Zeitkontrolle. Luther beherrschte ganz unterschiedliche Redegattungen: neben der Predigt auch die Vorlesung und die Disputation mit Fachkollegen, die Verteidigungsrede und die derbe Polemik, aber auch das geistvolle Tischgespräch; in vielen seiner Reden will er seine Zuhörer nicht nur unterrichten (»docere«) und zu neuem Denken und Handeln bewegen (»movere«), sondern auch unterhalten (»delectare«).
Der Zusammenhang zwischen seinen Schriften und seinen Predigten macht deutlich: Sprechen und Schreiben, Schreiben und Sprechen bilden bei
Luther eine Einheit. Ausgangspunkt ist dabei durchweg die gesprochene Sprache. Von einem Übersetzer und
Prediger forderte er einen reichen Wortschatz, der sich auch an der gesprochenen Sprache orientieren sollte. Dies zeigt sich auch bei der sprachlichen Gestaltung: Kreative und ausdrucksstarke Wortschöpfungen wie der »Friedfertige«, der »Kleingläubige« oder der »Kriegsknecht«, das zu sprechende »Machtwort« und die »Herzenslust«, auch Verben wie »nacheifern« oder »deuteln« haben sich rasch in der gesprochenen wie der geschriebenen Sprache eingeprägt. Die rhetorische Tradition, der es ja grundsätzlich um Überzeugung der Zuhörer geht, deutet sich auch in seiner Selbstermahnung zur Toleranz an: »Predigen will ichs, sagen will ichs, schreiben will ichs, aber zwingen und dringen mit Gewalt will ich niemanden, denn der Glaube will willig und ungenötigt sein und ohne Zwang angenommen werden.«
Glaubwürdigkeit von innen heraus
Aus religiösen Ängsten und Zweifeln heraus war Luther 1505 in das Erfurter Kloster der Augustiner-Eremiten eingetreten. Weder die klösterlichen Regeln noch seine theologischen Studien vermochten ihn von seinem ausgeprägten Sünden- und Schuldbewusstsein sowie seiner Heilsangst zu befreien. Erst eine Eingebung bei der Lektüre des Römerbriefs (»Der Gerechte lebt seines Glaubens.«) gab den Anstoß zu einem neuen Denken: Nicht durch gute Werke, sondern durch den Glauben allein könne der sündige Christ gerecht werden und durch Gottes Gnade Heil erfahren. Luthers Rechtfertigungslehre entzog nicht nur dem Ablasshandel den Boden, sondern stellte in weiterer Konsequenz auch die Hierarchie der röm. Kirche selbst in Frage. Luthers Ringen um den richtigen Glauben war für seine Anhänger nachvollziehbar, seine Beweisführung anhand der Heiligen Schrift war überprüfbar, sein starker innerer Glaubenskampf und seine persönliche Lebensgeschichte machten ihn in seinem Anliegen glaubwürdig.
Glaubwürdigkeit nach außen: vom Wort zur Tat
Luthers Glaubwürdigkeit zeigte sich auch in der konkreten Umsetzung seiner Schriften in konkretes Handeln: Seine standhafte Haltung auf dem Wormser Reichstag, die konsequente Durchsetzung der Kirchenreform bis hin zur Auflösung des Zölibats und zu einer neuen Gottesdienstordnung, soziale Errungenschaften wie der »Gemeine Kasten«, die Entwicklung einer politischen Ethik, die zwar den Christen der Obrigkeit unterwarf, ihm aber Glaubens- und Gewissensfreiheit garantierte - angesichts zahlreicher Ketzerprozesse eine fortschrittliche Position - all diese Veränderungen waren bald schon nicht mehr rückgängig zu machen und stellten auch nach außen nachhaltig seine Glaubwürdigkeit unter Beweis.
Zielstrebigkeit, Leidenschaft und Mut
Ohne Gönner (z. B. Friedrich der Weise), Wegbegleiter (z. B. Philipp Melanchton) und ungezählte Anhänger (Studenten, Ritter), die ihn förderten und schützten, die ihm zuarbeiteten, die ihn ermutigten und bestärkten, wäre Luther mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ketzer verbrannt worden. Groß ist aber auch Luthers persönlicher Anteil an der Durchsetzung seiner reformatorischen Gedanken. Mit Fleiß, Zielstrebigkeit und großer Leidenschaft konnte Luther für seine Sache kämpfen. In wichtigen Entscheidungssituationen hatte er immer wieder den Mut, anders zu denken, zu reden und zu handeln als Mächtige und Mehrheiten. Er konnte Kontroversen entfachen und konsequent zu Ende führen, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Dies bewies er auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, auf dem Wormser Reichstag (1521), auf dem er vor dem Kaiser, den päpstlichen Gesandten und den Reichsständen seine Lehre widerrufen sollte. Luther schloss aber seine Verteidigung statt mit dem erwarteten Widerruf mit den Worten: »Werde ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe überzeugt, denn ich glaube weder dem Papst noch Konzilien allein, da es offenkundig ist, dass sie öfter geirrt haben, so bleibe ich überwunden durch die von mir angeführten Schriftstellen und mein Gewissen und gefangen durch Gottes Wort. Daher kann und will ich nichts widerrufen. Denn gegen das Gewissen zu handeln ist beschwerlich, unheilsam und gefährlich. Gott helfe mir, Amen!«
Diese Zivilcourage, argumentativ abgesichert, ethisch fundiert und im
Gewissen des Redners verankert, ist ganz sicher einer der Höhepunkte
abendländischer Rhetorik. Luthers Verhalten in dieser außerordentlich schwierigen Situation bietet Orientierung auch über das Zeitalter der Reformation hinaus.
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