Unter »Interpretation« versteht man die Erklärung oder Auslegung eines Textes. Dabei bezieht
sich der Begriff auf zweierlei: auf den Vorgang
des Analysierens, des Deutens und Verstehens (das Interpretieren) sowie auf das
Ergebnis dieses Verstehensprozesses
(die Interpretation, zum Beispiel in Form eines Schulaufsatzes).
Interpretiert werden können:
Kunstwerke und Reden, theologische, historische und juristische Quellen sowie
alle literarischen Texte, also Gedichte, Theaterstücke und Romane. Literatur muss interpretiert werden,
weil gute Literatur selten ganz eindeutig ist; meist bietet sie mehrere
Deutungen und öffnet so einen Spielraum für unterschiedliche Möglichkeiten des
Verstehens.
Im Gegensatz zum naiven
Verstehen macht Interpretation durch bewusste Reflexion, durch verständliche
Argumentation und nachvollziehbare Belege das Urteil für den Leser
nachvollziehbar. Selbst wenn sie nicht
immer eindeutig ist – so können zwei Interpreten ein Werk unterschiedlich
interpretieren –, ist Interpretation aber niemals
beliebig!
Interpretation
bezieht sich auf die Bedeutung bzw. den Sinn eines Textes und damit auch die
(vermutete) Absicht des Autors. Interpretation fragt nach dem »Hintersinn«
eines Textes, fragt also, was hinter den Worten oder »zwischen den Zeilen steht«.
Interpretieren heißt erklären, was nicht ausdrücklich formuliert ist. Was
»eindeutig« ist, muss weder gedeutet noch interpretiert werden. Gedeutet oder interpretiert wird vielmehr,
was noch Fragen aufwirft, was selbst nach aufmerksamer Lektüre noch
geheimnisvoll bleibt, was auf den ersten Blick keinen Sinn zu haben scheint
oder was in seiner »Bedeutung« zunächst noch verschlossen ist. Gedeutet
werden muss auch, was »mehrdeutig« ist! Bei der Interpretation wird nicht
einfach wiederholt, was im Text steht, sondern was mit dem Text gemeint ist.
Um zu einem möglichst
plausiblen Ergebnis zu gelangen, kann der Interpret neben dem Text auch die
Biografie des Autors, andere Hintergründe oder Interpretationen heranziehen (objektive Interpretation). Sinnvoll ist
es aber auch, sich auf den eigenen Verstand zu verlassen und sich zu fragen:
Wie wirkt der Text auf mich? Was spricht mich an? Zu welcher Meinung bin ich
spontan gelangt (subjektive
Interpretation)? Dieser persönliche Eindruck muss aber immer wieder am Text
überprüft werden!
Interpretieren lassen sich größere Zusammenhänge, also beispielsweise ein ganzes
Gedicht, eine Szene in einem Drama oder ein größerer Romanabschnitt (natürlich
auch das ganze Drama oder der ganze Roman). Deuten lassen sich dagegen kleinere Zusammenhänge, z. B. einzelne
Worte oder Wendungen, Stilfiguren oder formale Elemente.
Bei der Interpretation eines
Textes bieten sich die folgenden Arbeitsschritte an:
Thema – Relevanz – Aussage: Was ist eigentlich das Thema? Und inwieweit ist es
von Bedeutung für den zeitgenössischen / den heutigen Leser? Was ist zu diesem
Thema die besondere Aussage dieses Textes?
Inhaltsangabe: Eine knappe Zusammenfassung des Inhalts (der Sinneinheiten, z. B. der
Strophen) in eigenen Worten kann die nachfolgende Interpretation entlasten
(vgl. auch Basis-Satz!).
Gleichsetzungen: Was entspricht einem Wort bzw. einer Wortgruppe in der Wirklichkeit?
Was ist gemeint? Passen die einzelnen Bedeutungen zueinander?
Opposition: Welche Begriffe stehen in einem Gegensatz zueinander? Ist die Opposition
im Text erkennbar oder muss sie der Interpret rekonstruieren?
Struktur und Kohärenz: Was verrät der Aufbau über den Inhalt? Wird durch
innere Bezüge, durch Rahmen oder andere Techniken ein innerer Zusammenhang
gestiftet? Werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hergestellt?
Sprache / Stil / Form: Was weicht ab von der »normalen« Sprache und Form? Passen
diese Beobachtungen zum Inhalt?
Sprechakte: Lassen sich besondere Sprechakte (Rechtfertigung, Kritik, Anklage,
Aufforderung an den Leser Liebeserklärung, Verzweiflung usw.) erkennen?
Schlüsselzitate: Besonders ergiebige Zitate werden eingeleitet, grafisch herausgestellt
und ausgewertet (besonders intensiv interpretiert).
Hintergrund: Welcher Wissenshintergrund lässt sich für die Interpretation nutzen? Der
historische oder der biografische Zusammenhang? Der Werkzusammenhang oder der
Vergleich mit anderen Werken? Hilfreich ist es, wenn sich der Autor in anderen
Zusammenhängen (Interview, Tagebuch, Kommentar, poetologischen Schriften usw.)
über sein Werk geäußert hat.
Persönliche Bewertung: Das eigene (Geschmacks-)Urteil kann die
Interpretation abschließen. Dabei ist ein differenziertes Urteil zu Inhalt und
Form wünschenswert.