Der Wortschatz im »Hungerweg« (O. F. Lang)

Beim Lesen eines Jugendbuchs kommt es vor, dass man nicht jedes Wort wirklich versteht. Oft ist das nicht so schlimm, weil man das Gemeinte aus dem Zusammenhang erschließen kann. Häufen sich aber die Wörter, die man nicht genau versteht, dann liest man immer oberflächlicher, man versteht nicht mehr alles und am Schluss verliert man sogar die Lust am Lesen.

Hier werden nun die schwierigsten Wörter oder Redewendungen in der Reihenfolge, in der sie im »Hungerweg« vorkommen, kurz und einfach erklärt. Hier kannst du nachschlagen, wenn du ein Wort noch nicht kennst. Du könntest aber auch vor der Lektüre der beiden Großkapitel jeweils nachschauen, ob dich Wörter erwarten, die du noch nicht kennst, und dir – wenn es nur wenige sind – deren Bedeutung einprägen. Dann kannst du ohne Unterbrechung lesen.

Im Vorwort des Autors: Zur Geschichte der Schwabenkinder

Vintschgau: oberes Tal der Etsch in Südtirol; der Vintschgau erstreckt sich vom Reschenpass am Dreiländereck Schweiz-Österreich-Italien bis nach Meran. Der Vintschgau ist seit alters her ein wichtiger Verkehrsweg durch die Alpen. // die Strapaze: große Anstrengung, Mühe, Beschwerlichkeit (auch: strapazieren und strapaziös) // zerschlissen: durch häufiges Tragen stark abgenutzt (auch: verschlissen) // karg: dürftig, gering, armselig, mager, wenig fruchtbar // Schande: Unehre; etwas, wodurch man sein Ansehen verliert oder wofür man sich schämt // Schwaben: ehemaliges Herzogtum, das den gesamten schwäbisch-alemannischen Sprachraum umfasste: das Elsass, Südbaden, Württemberg, die deutschsprachige Schweiz, das bayerische Schwaben, Vorarlberg und Liechtenstein; benannt ist es nach dem Stamm der »Sueben«.

In Teil 1: »Hungerweg«

Joppe: einfache Jacke (meist aus Loden) // Brennsuppe (auch Einbrennsuppe): Mehl wird mit etwas Fett solange im Topf »angebrannt«, bis es dunkelbraun wird, dann mit Brühe oder Wasser abgelöscht // durchbeuteln: schütteln // Rollgerste: Gerste lässt sich entweder zu Brot verbacken oder als Graupen (= Rollgerste) Suppen und anderen Gerichten hinzufügen; Gerste ist ein robustes und gegen Kälte widerstandsfähiges Getreide, das auch auf minderwertigen Böden und im Gebirge gedeiht. // Erdäpfel (auch Erdbirnen) : Kartoffeln // gedörrt: auf dem Kachelofen, im Backofen oder in der Sonne getrocknet, dadurch für einige Zeit konserviert // Kooperator: katholischer Hilfsgeistlicher // fromm: vom Glauben an Gott erfüllt, sehr gläubig // nit: nicht // das Almosen: milde, barmherzige Gabe, eine Spende // Hauserin: Haushälterin // Hochwürden: Anrede für katholische Geistliche, z. B. Eure oder Euer (abgekürzt: Ew.) Hochwürden // ein Häferl: ein Becher // aufgeschossen: groß und zugleich schmal gewachsen // unbillig: ungerecht, nicht angemessen // Lack(e)l: grober oder unbeholfener Mensch (hier nicht bös gemeint) // Kletzen: getrocknete Birnen // (Maul-)Schelle: Ohrfeige (Schlag mit der flachen Hand auf die Wange) // Völlerei: unmäßiges Essen und Trinken // Hascherl: bedauernswertes Wesen // es marschiert alles durch: es verursacht Durchfall // Geselchtes: geräuchertes Fleisch // Sakra!: verdammt! (Ausruf des Erstaunens und des Verwünschens) // Vergelt’s Gott: christlich geprägte Form des Dankes, in der Bedeutung: Gott möge es dir (an meiner Stelle, da ich es nicht kann) zurückgeben; die Antwort lautet: »Segne’s Gott!« // Kajetansbrücke: historische Steinbogenbrücke über dem Inn, zwischen Pfunds und Nauders // Spalier: eine aus zwei Reihen von Menschen gebildete Gasse (normalerweise aus feierlichem Anlass) // Kredenz: Anrichte // Schlutzkrapferl: süße oder salzige Mehlspeise, kleine gefüllte Teigtaschen, die gekocht und mit geschmolzener Butter oder mit Schmalz übergossen werden; durch das Fett werden sie glitschig, daher die Bezeichnung »Schlutz…«. // Sei stad!: Sei ruhig! // Kinderschar: die Schar ist eine größere Anzahl von Menschen, die zusammengehören // Kinderreichtum: Der Pfarrer von Landeck leitet seine Vorstellung davon ab, dass Gott in der Schöpfungsgeschichte die Menschen aufgefordert hat: »Seid fruchtbar und mehret euch!« (1. Moses 1,26 ff.) und dass Jesus verkündet hat: »Lasset die Kinder zu mir kommen … Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.« (Lk 18, 16) // St. Christoph: Der heilige Christophorus (gestorben um 250 n. Chr.) ist ein Märtyrer des Christentums, der trotz grausamer Folterungen seinem Glauben treu blieb. Er gilt als Schutzpatron der Reisenden, sein Gedenktag ist der 25. Juli. In einer Legende wird er als Heiliger dargestellt, der Reisende auf seinen Schultern über einen Fluss trägt. Eines Tages bittet ein Kind, übergesetzt zu werden, doch mit jedem Schritt wird das Kind schwerer, und er versinkt immer tiefer im Fluss. Als er darüber klagt, erfährt er, dass er die Last der Welt in der Person Christi auf Schultern trage. Dies erklärt seinen Namen, denn im Griechischen bedeutet Christophorus »Christusträger«. Glauben: gemeint ist das Glaubensbekenntnis // Kaiser Joseph II.: aus der Familie der Habsburger, rund 100 Jahre zuvor Herrscher über Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Er versuchte, weit reichende Reformen im Habsburgerreich durchzuführen: So förderte er Handel und Verkehr, außerdem schränkte er die Macht der katholischen Kirche ein und gewährte den Protestanten Glaubensfreiheit. // Hospiz: von Mönchen errichtete Unterkunft für Reisende oder ein Gasthaus, das im christlichen Geist geführt wird; heutzutage eine Einrichtung zur Betreuung schwer kranker und sterbender Menschen // miserabliger (eigentlich: miserabler): elender // wunderbare Brotvermehrung: Jesus speist mehr als fünftausend Menschen zum Zeichen, dass er Gottes Sohn ist, mit zwei Fischen und fünf (Gersten-)Broten (von allen vier Evangelisten bezeugt: Mt, 14,13 ff.; Mk 6, 31 ff.; Lk 9,10 ff.; Joh 6,1 ff.) // jemanden Mores lehren: jemanden gehörig zurechtweisen, jemandem Sitten beibringen // Notdurft verrichten: Blase oder Darm entleeren // zerspeilt: zersplittert, völlig aufgespalten // Soutane: langes, bis zu den Knöcheln reichendes Gewand eines kath. Geistlichen // Rosskur: mit drastischen Mitteln durchgeführte Kur // itz(t): jetzt // rauschig: im Rauschzustand, betrunken // Kindsbett: auch Wochenbett genannt, die Wochen nach der Geburt eines Kindes, in der die »Wöchnerin« früher mit ihrem Säugling das Bett hüten sollte // Kneifer: Brillenglas, das in die Augenhöhle geklemmt wird // Zipperlein: Gelenkschmerzen oder andere, weniger ernste Beschwerden // Kräuterweiberl: (meist ältere) Frau, die sich in Heilkräutern auskennt // instruiert: angeleitet, unterwiesen // Bronchien: die beiden Bronchien versorgen die Lungenflügel mit Atemluft. Eine Infektion der Bronchien oder der Lunge hat starken Schüttelfrost, Fieber bis zu 40°C, Brustschmerzen beim Atmen, Husten und blutigen Auswurf zur Folge; bevor es Antibiotika gab, war Lungenentzündung die häufigste Todesursache bei Erwachsenen. // ordinär: gewöhnlich, nicht besonders geartet (hier nicht abwertend gemeint im Sinne von unfein, unanständig oder vulgär) // unwirsch: unfreundlich und mürrisch // wie ein Haubenstock: so starr wie die Gesichter und Figuren, die im Fasching an einem Stock getragen werden.

In Teil 2: »Kindermarkt«

Kost und Logis: Essen und Unterkunft, das französisch auszusprechende Wort Logis meint eine einfache, wenig komfortable Unterkunft // Kroppzeug: nutzloses Zeug, Pack, Gesindel, (scherzhaft?! auch für) kleine Kinder // Leonhard (von Noblat / Limoges): Schutzheiliger des Viehs, besonders der Pferde; er lebte im 6. Jh. im Merowingerreich, sein Namenstag ist der 6. November // Gulden: ursprünglich eine goldene Münze, Währungseinheit // sakrisch gut: verdammt gut (vgl. Sakra) // Mühewaltung (Amtsdeutsch, veraltet): Mühe, die sich jemand gegeben hat // hiesig: hier vorkommend, aus dieser Gegend stammend // Pfaffe: abwertende Bezeichnung für einen Geistlichen, im Mittelalter aus »Lodderpfaffus« entstanden // Kinderverschacherer: Kinderverkäufer (»verschachern« bedeutet abwertend: auf unwürdige Weise verkaufen) // Lutherbibel: die von Martin Luther (1483-1546) ins Deutsche übersetzte Bibel der evangelischen Christen // Berner Wägele: leichter Wagen für Ausfahrten ohne Ladung // akkurat: genau // »Schick dich!«: barsche und herrische Befehlsform, die keinen Widerspruch zulässt // Anger: mit Gras bewachsenes Land // Prozession: feierlicher Umzug // Manual: die Reihe der Tasten, die mit der Hand gespielt werden (im Ggs. zum Pedal) // Register: die Auswahl unterschiedlicher Klangfarben // Vox coelestis: Stimme oder Laut des Himmels // Tutti: alle Register // Antonius von Padua: Heiliger der kath. Kirche, der im Volksglauben hilft, verlorene Sachen wiederzufinden, u. a. auch Schutzpatron der Pferde // Katechet: kirchlicher Lehrer, der insbesondere auf den Empfang von Sakramenten (Taufe, Firmung) vorbereitet // Hölle: Bereits vor Luther (auf dem florentinischen Konzil von 1441) war von Papst Eugen IV. das Dekret erlassen worden: »Die hochheilige römische Kirche glaubt fest, bekennt und predigt, dass keiner von denen, welche sich nicht innerhalb der katholischen Kirche befinden, des ewigen Lebens teilhaftig werden können.« // Himmelstür: In Anspielung auf das Neue Testament (»Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.«) ist hier gemeint, dass ein Reicher durch Almosen und Wohltaten dennoch in den Himmel kommen könne. // Nadelöhr: Öffnung, durch die der Faden gezogen wird // Himmelsschlüssel: Das Bild vom Himmelsschlüssel geht auf das Neue Testament (Mt 16, 18 f.) zurück, als Jesus verkündet »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Ich werde dir die Schlüssel des Himmelsreichs geben.« Mit dieser Metapher (Bildübertragung) wird das Papsttum direkt auf Petrus zurückgeführt. // Remise: Wagen- und Geräteschuppen // Rübli: feine Rüben // abdrücken: umarmen, fest an sich drücken // Fuhr: Fuhre, Ladung // adrett: durch sorgfältig gepflegte Kleidung äußerlich ansprechend // »Pfüat di (God)«: Tiroler Abschiedsgruß im Sinne von: (Gott) behüte dich (auf allen Wegen)! // ungehalten: verärgert, empört


In den Quellentexten

verheerend: furchtbar, entsetzlich // gefertigte Vorstehung (Amtsdeutsch) : gemeint sind die für die Kinder Verantwortlichen // Sakramente: weihevolle Handlungen in der Kirche wie Taufe, Abendmahl, Firmung und Buße // Obmann: Vorstand // Vorschub angedeihen lassen: unterstützen // Gegenwillfährde: gemeint ist, dass man sich auch umgekehrt bereit erklärt, die andere Seite zu unterstützen // Bachstraße / Krone: der historische Ort des Kindermarktes in Ravensburg // Konsistorium: oberste Verwaltungsbehörde einer ev. Landeskirche // Parlamentarier: Volksvertreter, der im Parlament über Gesetze berät und abstimmt // Stadtschultheiß: Bürgermeister // landsmannschaftlich: hier das Gefühl der Zusammengehörigkeit als Tiroler // Barbarei: Kulturlosigkeit, Rohheit, Grausamkeit

 

 

Zum Jugendbuch von Othmar F. Lang:

Hungerweg. Das Schicksal der Schwabenkinder / Von Tirol zum Kindermarkt in Ravensburg. [dtv junior]

 

Weitere Materialien im

Lektürebegleiter Deutsch zum »Hungerweg«

[Buchner-Verlag 4284]

 

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