Aus der Rems-Zeitung im Gründungsjahr 2004/05:

»Horizonte erweitern« –

Ein Bildungsprojekt mit überraschend großer Resonanz

Kann man Statistiken trauen?

»Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!« Dieses Zitat war Aufhänger für eine Veranstaltung, bei der 45 Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht freiwillig mit Mathematiklehrer Hans Bergmann über die Glaubwürdigkeit von Statistiken diskutierten. Grundlage war Walter Krämers bekanntes Sachbuch »So lügt man mit Statistik«, das für ausreichend Diskussionsstoff sorgte.

Was ist sicherer – Eisenbahn oder Flugzeug? Glaubt man der einen Statistik, so ist es eindeutig die Bahn, glaubt man der anderen, so ist es das Flugzeug – und dies bei gleichem Zahlenmaterial! Entscheidend ist nämlich, wie der Statistiker mit dem Material umgeht: Vergleicht er die Zahl der Unfalltoten in Relation zur zurückgelegten Entfernung, so ist das Flugzeug dreimal so sicher wie die Bahn (3 bzw. 9 Verkehrstote pro 10 Milliarden Passagierkilometer); nimmt der Statistiker dagegen die Fahrtdauer zum Vergleichspunkt, so ist die Bahn mehr als dreimal so sicher wie das Flugzeug (7 bzw. 24 Verkehrstote pro 10 Milliarden Passagierstunden). Ein für die Schüler verblüffendes Ergebnis, das auch an weiteren interessanten Beispielen zu beobachten war.

So bewirkte die Besprechung des Sachbuchs eine deutliche Sensibilisierung für die Problematik von Statistiken, was sich auch in einigen spontanen Statements der Schüler niederschlug: »Die Lektüre war für mich ein echtes Erwachen!« Oder: »Erschreckend, wie unbedacht oft in den Medien mit Statistiken umgegangen wird.« Oder: »Ich glaube eigentlich keiner Statistik mehr, solange ich nicht ihre Grundlagen geprüft habe.«

Nach dieser Problematisierung galt es nun, die Funktion der Statistik wieder ins rechte Lot zu rücken: Natürlich seien Statistiken ein wichtiges und zuverlässiges Hilfsmittel für wirtschaftliche und politische Entscheidungen und Planungen, so Mathematiker Hans Bergmann, aber es komme darauf an, die jeweils zugrunde liegenden Prämissen zu kennen und kritisch zu beurteilen. Wichtig sei es, die Quellen zu überprüfen und die jeweiligen Absichten zu durchschauen. Und natürlich genüge es nicht, logisch zu denken und richtig zu rechnen, man müsse auch verantwortungsvoll mit dem Ergebnis umgehen und es vor allem auch richtig darstellen und interpretieren. Denn eine rechnerisch richtige Korrelation zwischen zwei Zahlenwerten sei noch kein zuverlässiger Schluss auf einen kausalen Zusammenhang.

Aufgedeckt wurde im Übrigen auch die Autorenschaft des bekannten Zitats: Dass man Statistiken nicht trauen solle, wird allgemein Winston Churchill zugeschrieben. In Wirklichkeit war es der deutsche Propagandaminister J. Goebbels, der dieses Zitat dem Gegner Churchill untergeschoben hatte – wie nicht anders zu erwarten mit entsprechend propagandistischer Absicht.

Hinführung zum guten Sachbuch

Diese anspruchsvolle Diskussionsrunde war der vielversprechende Auftakt zu einem Bildungsprojekt, das unter dem Motto »Horizonte erweitern« in diesem Schuljahr am Parler-Gymnasium durchgeführt wird. »Fünf Ferien – fünf Sachbücher!« mit dieser knappen Formel lässt sich skizzieren, was dieses Projekt erreicht hat: Interessierte Schülerinnen und Schüler aus den 10. und 11. Klassen beschäftigen sich über den Tellerrand ihrer Schulfächer hinaus mit relevanten Bildungsinhalten. Über die Herbst-, Weihnachts-, Winter-, Oster- und Pfingstferien lesen sie jeweils ein Sachbuch, das nach den Ferien unter Anleitung eines fachkundigen Moderators besprochen wird. Was anfangs niemand für möglich gehalten hatte: Trotz voller Stundenpläne und hoher Pflichtstundenzahl nimmt ein gutes Drittel der angesprochenen Schüler freiwillig an diesem Projekt teil.

Anlass für das Projekt waren Fragen, denen man tagtäglich im Alltag und in den Medien begegnet, deren Beantwortung im Unterricht aber zumeist zu kurz kommt: Wie funktioniert der Aktienmarkt und warum findet Deutschland keinen Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise? Wie glaubwürdig sind die Statistiken, mit denen in Politik und Wirtschaft argumentiert wird? Warum wird in Deutschland trotz des nach wie vor hohen Lebensstandards so viel gejammert? Wie »funktioniert« die Seele des Menschen und wie lassen sich Konflikte erkennen und leichter bewältigen? Welchen Stellenwert haben all die Probleme eigentlich angesichts der prognostizierten Endlichkeit der Menschheitsgeschichte? …


Zur Auswahl der Sachbücher

Deutschlehrer Stephan Gora bat er eine Reihe von Kollegen aus den anderen Fächern, aber auch Eltern in relevanten Berufen (Psychologen, Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater usw.) um Lektüre-Empfehlungen für Oberstufenschüler. Rasch war eine Liste von über zwanzig Titeln zusammengestellt, aus der er für das Schuljahr 2004/05 die folgenden Titel auswählte:

 

Walter Krämer: So lügt man mit Statistik.

Piper. ISBN 3-492-23038-5. 7,90 €

Frank Lehmann: Wirtschaft. Worauf es wirklich ankommt.

dtv. ISBN 3-423-34096-7. 9,00 €

Friedemann Schulz von Thun:

Miteinander reden (3). Das »innere Team« und situationsgerechte Kommunikation.

rororo. ISBN 3-499-60545-7. 328 S. 8,90 €

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein.

Piper. ISBN 3-592-22100-9 7,90 €

Stephen W. Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit.

rororo ISBN 3-499-60555-4. 8,90 €

 

Zur Finanzierung und Organisation

Das gesamte Buchpaket kostet im Buchhandel 42,60 € – die Schüler zahlen jedoch nur 18 €! Der Rest wird finanziert durch großzügige Unterstützung seitens der Gmünder Buchhandlung Fiehn sowie durch Zuschüsse des Elternbeirats, einzelner Eltern und des Fördervereins der Schule. Die teilnehmenden Schüler erhalten bei regelmäßiger Teilnahme eine Urkunde und einen positiven Vermerk ins Zeugnis. Zum Abschluss wird auf freiwilliger Basis eine Klausur zu fünf Sachfragen aus den Lektüren angeboten: Wer mindestens drei Viertel der erreichbaren Punktzahl erreicht, erhält die investierten 18 € zurück, die beiden besten Absolventen erhalten einen Buchpreis oder ein Zeitungsabonnement.

Der finanzielle Rahmen hatte zunächst eine Obergrenze von 20 Schülern vorgesehen, die Skeptiker des Projekts rechneten mit einer deutlich niedrigeren Anzahl von Interessenten. Umso größer war die Überraschung, als sich bereits in den ersten beiden Anmeldetagen 45 Schüler durch die Zahlung von 18 € verbindlich anmeldeten. Wegen des starken Interesses musste das Fördervolumen auf knapp 2000 € erhöht werden. Damit war für das laufende Schuljahr eine finanzielle Obergrenze erreicht, sodass weitere Interessenten abgewiesen werden mussten.

Hohes Engagement auf allen Seiten

Das Projekt wird gemeinsam geleitet von Lehrern des Parler-Gymnasiums sowie von Eltern und Schülern; für jedes Sachbuch steht ein Moderator zur Verfügung, der das Buch mit den Schülern bespricht. Durch die Einbindung von Eltern soll auch künftig sichergestellt werden, dass Sachbücher zu außerschulischen Wissensbereichen behandelt werden können. Überraschend hoch ist das Interesse in den Klassen 10 und 11. Von den angesprochenen Schülern nehmen 25% aus der 10. und 41% aus der 11. Klasse an dem Projekt teil – ein Prozentsatz, der wohl nur selten bei einem freiwilligen Bildungsangebot erreicht wird, das ein solch hohes Engagement voraussetzt. Diese Zahlen legen den Schluss nahe, dass sich Schüler zu außerordentlichen Leistungen anspornen lassen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und wenn die Schüler diese zusätzlichen Anforderungen als eine besondere Herausforderung erleben, die sich lohnt.

In der zweiten Pisa-Studie wird besonders die Lese-Kompetenz deutscher Schüler bemängelt. Vielleicht könnten solche und ähnliche Projekte dazu beitragen, die Lese-Fähigkeiten deutscher Schüler zu stärken.

Nachbemerkung:

Das Projekt »Horizonte erweitern« wird inzwischen von Frank Fohmann erfolgreich weitergeführt; es wird mittlerweise von der Andrea-von-Braun-Stiftung jährlich mit 10 000 Euro unterstützt; interessierte Schulen können sich beim Landesinstitut für Schulentwicklung (Stgt) bewerben.