Die literarische Charakteristik

Funktion: Eine literarische Charakteristik dient dazu, das Wesen der vom Schriftsteller dargestellten Figur nachzuzeichnen, die Beweggründe für ihr Handeln aufzuzeigen und eigene Wertungen plausibel zu machen. Über die Charakteristik einer Figur gelangt man zu einem besseren Textverständnis und somit zu einer vertieften Interpretation.

 

Anregungen zu Inhalt und Aufbau der Charakterisierung:

 

1.    äußere Erscheinung (Geschlecht, Alter, Körperbau, Aussehen, Kleidung)

2.    soziale Situation (gesellschaftliche Stellung, Beruf, Rolle)

3.    äußeres Verhalten (Eigenheiten, Gewohnheiten, Verhalten, Reaktionsweisen)

4.    Sprache und Sprechverhalten, Kommunikationssituation (besonders im Drama!)

5.    inneres Verhalten (Motive, Ziele, Gefühle, seelische Konflikte, Denkweisen, Bewusstsein)

6.    a) gesellschaftliche Bedingtheit: Welche Faktoren haben das Verhalten verursacht?

       b) gesellschaftliche Wirkung: Was bewirkt die Figur bei den anderen?

7.   Figur im Rahmen der Personenkonstellation, besonders ihre Beziehungen zu anderen Figuren (evtl. auch ihre dramaturgische Funktion)

8.    Entwicklung (Macht die Figur eine Entwicklung durch, etwa im Vgl. zu anderen Figuren?)

9.    Zusammenfassende Interpretation, Integration (Beziehung zum Autor oder zum Werk)

10. Wertung, persönliche Stellungnahme, Kritik

 

Eine literarische Charakterisierung besteht nicht aus einer bloßen Ansammlung / Aneinanderreihung von Eigenschaften; die Qualität einer Charakterisierung erweist sich vielmehr darin, dass …

      w    Schwerpunkte gesetzt  und Beziehungen zwischen Eigenschaften hergestellt werden

      w    Widersprüche aufgezeigt und verborgene Charakterzüge entlarvt werden

      w    eine Entwicklung des Charakters nachvollziehbar dargestellt wird.

Bei der Charakteristik ist die folgende Unterscheidung sinnvoll:

direkte Charakterisierung: durch den Erzähler (oder durch eine Regieanweisung), durch die Figur selbst oder durch eine andere Figur. Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass sich die Figuren in ihrer Selbst- oder in einer Fremdcharakterisierung irren können!

indirekte Charakterisierung: aus der wörtlichen Rede der Figur oder ihrem Verhalten geschlossen, als Ergebnis einer Interpretation

 

Tipps für den Aufsatz, die Klausur:

w    die Zeitformen der Gegenwart (Präsens und Perfekt) einhalten

w    Schlüsselzitate auswählen: geschickt einleiten, grafisch herausstellen und intensiv auswerten

w    anschaulich charakterisieren, damit sich der Leser die Figur vorstellen kann

w    Ungenauigkeiten (Vorurteile, Übertreibungen, unangemessene Wertungen) vermeiden

w    Hilfreich für Ideensammlung und Gliederung ist entweder die »Mindmap«-Methode oder die Sammlung auf kleinen Karteikarten, die auf dem Tisch angeordnet werden.

 

Sprachliche Wendungen für die Charakterisierung:

 

Am Beispiel dieser Figur will der Autor deutlich machen / kritisieren / auffordern, dass ...

Die Figur ist nicht nur x, y oder z, sondern auch v und w.

Ihr Mut erweist sich in … (Verhalten in einer bestimmten Situation).

Ihre Zerrissenheit spiegelt sich in ihrem Bekenntnis wider: »Zitat«, danach Auswertung

So erweist sich ihre scheinbare Hilfsbereitschaft schließlich als ...

Im Gegensatz zu ihrer offiziellen Rolle zeigt ihr Verhalten  ...

Während sich die Figur selbst gerne als ... charakterisiert, verrät ihr Verhalten, dass ...